Geschichte des wiederaufgebauten Quäkerhauses (20. Jh.)

Gründung einer deutschen Jahresversammlung

Doch etwa 30 Jahre nach der Umnutzung zum Eselsstall bildete sich in Deutschland eine neue Gruppe von Quäkern. Als sie sich 1923 in Eisenach zusammenfanden, bezeichneten sie sich zuerst als „Freunde des Quäkertums“, benannten sich 1924 in Kassel in „Bund der deutschen Freunde“ um und gründeten 1925 in Eisenach unsere heutige Jahresversammlung. Die Motive dafür waren vielfältig. Einige meinten, man brauche einen Zusammenschluss, um das Gemeinschaftsleben zu pflegen und um leichter gefunden werden zu können. Traugott von Stackelberg setzte dagegen, man brauche keine deutsche Gesellschaft, ebensowenig wie man eine englische oder amerikanische brauche. Es solle nur eine Gesellschaft für die ganze Welt geben. Professor Schulze-Gaevernitz aus Minden vertrat die Ansicht: „Es geht den Quäkern nicht um eine große Gemeinde; sie werben nicht für sich, sondern für ihre Idee: Sie möchten der Welt bessere Katholiken und bessere Protestanten geben.“ Da es noch kein Quäkerhaus gab, fanden weitere Jahresversammlungen 1926 in Hamburg, 1927 in Magdeburg, 1928 in Bückeburg, 1929 in Comburg, 1930 in Wernigerode und 1931 in Hellerau statt. Von der Jahresversammlung 1928 in Bückeburg aus fuhren zwei Busse „mit amerikanischen Jungquäkern und 30 anderen Freunden nach Pyrmont, wo sie das frühere Andachtshaus der Quäker und den dortigen Friedhof besuchten.“

Es sei nur ein flüchtiger Besuch gewesen, meinte der damalige Schreiber der Jahresversammlung, Hans Albrecht, zehn Jahre später, aber er und Joan Mary Fry „versuchten, einer plötzlichen Eingebung folgend, festzustellen, was es mit dem alten Hause auf sich habe und ob eine Rückkaufmöglichkeit bestünde.“ In den zwei Stunden, die dafür zur Verfügung standen, wanderten sie durch die Straßen der Stadt, von Tür zu Tür, von Amtsstube zu Amtsstube, ja sie fuhren sogar nach Friedensthal, um volle Klarheit zu bekommen. Die Folge war ein Briefwechsel mit dem Eigentümer des Hauses und Grundstücks. Das Endergebnis: „Lasset alle Hoffnung fahren!“ Vier Jahre später, im April 1932, erfuhr Emma Raeydt, die „letzte Überlebende der Friedensthal Freunde“, wie Brenda Bailey in ihrem Buch schreibt, dass das Haus auf Abbruch verkauft worden sei. Die Nonnen wollten es los werden, um ihren Garten zu erweitern. Emma kaufte dem Käufer spontan das Material für 300 RM wieder ab. „Hätte sie das nicht getan, so stünde es jetzt als alte Scheune irgendwo auf dem Felde.“ Haus und Grundstück, heißt es 1932 in einem Artikel, hatten zuletzt dem benachbarten katholischen Stift gehört.

Pläne für eine Neuerrichtung des Quäkerhauses

Im Juli 1932 erschien im QUÄKER ein Artikel unter der Überschrift „Brauchen wir in Deutschland ein Versammlungshaus?“. Der Verfasser meinte, „die Not der Zeit“ – infolge der Weltwirtschaftskrise hatte die Arbeitslosigkeit in dem Jahr mit über 6 Millionen ihren höchsten Stand erreicht – „ist groß und wächst täglich mehr… Ist es da nötig, in solcher Zeit des Mangels Häuser zu bauen… ist es richtig, Geld auszugeben für Steine, anstatt für Brot, Geld zu verbrauchen für ein totes Haus, statt für den lebenden Menschen?“ Er setzte dem entgegen: „Wir brauchen ein Heim, in dem wir vor allen Dingen uns selbst gegenseitig immer mehr kennen lernen können… Die größte Not der Zeit liegt nicht im Mangel an äußeren Dingen, sondern in der absoluten seelischen Verirrung und Vereinsamung. Die Menschen sehnen sich, oft ganz unbewusst, heute mehr denn je, nach einer Kraft, die ihnen Halt gibt… Wenn alle Freunde mehr und mehr auch zu dieser Einsicht kommen, dass wir eine gemeinsame Arbeitsstätte geistiger Schulung, ein Heim seelischer Erneuerung brauchen, dann werden sie den Bau auch in der heutigen Zeit nicht nur verstehen, sondern sich auch für ihn einsetzen… So kann das Geld, für einen toten Bau ausgegeben, gewiss zu der lebendigsten Kraft, die uns heute im Kampf mit dem Leben nötig ist, nämlich zum geistigen Rüstzeug werden.“

Am 3. September 1932 unterzeichnete Hans Albrecht für den Treuhänderverein in Hannover einen Erbbauvertrag, in dem steht, dass der nicht bebaute Teil des Grundstücks mit Hecken, Bäumen und Sträuchern parkartig unterhalten werden solle, da „später das gesamte Grundstück dem Kurpark angegliedert werden muss“. Er solle auch dem Kurverkehr unbeschränkt zur Verfügung stehen. Im § 4 des Vertrages heißt es: „Der Erbbauberechtigte hat die auf dem Grundstück errichteten und noch zu errichtenden Bauwerke und Anlagen auf seine Kosten in ordnungsgemässem Zustand zu erhalten.“

Der Arbeitsausschuss beschließt Anfang April 1932, das 1500 qm große Eckgrundstück neben dem Friedhof zu pachten. Im Protokoll heißt es, das Haus solle in der alten Form mit dem alten Material „unter Hinzufügung der nötigen Räumlichkeiten, auch Küche und Esssaal im Kellergeschoss, neu errichtet werden. Der Versammlungsraum solle 300 Personen Platz bieten, um dort die Jahresversammlungen abzuhalten. Die Wiederbenutzung ist für das äußere und innere Wachstum der Deutschen Jahresversammlung von großer Bedeutung … weil wir hier an die alte Geschichte der deutschen Quäkertradition anknüpfen und hierdurch ein wirkliches Zentrum und eine Heimat für unsere Bewegung geschaffen wird. Das Haus soll ein Mittelpunkt für viele verwandte Bewegungen werden und wird somit zu der Ausbreitung unserer Botschaft in Deutschland wesentlich beitragen“. Als „Entschädigung für den Rücktritt an einem Gartenpachtvertrag“ bescheinigt der Besitzer des Grundstücks, Paul Hoffmann, Anfang Mai 1932 den Erhalt von 75 Reichsmark.

Wiedereröffnung 1932

Während der Jahresversammlung im August 1932, die im Kurhaus abgehalten wurde, fand das Richtfest statt. Insgesamt 200 Freundinnen und Freunde aus zwölf Nationen waren anwesend; die Richtkrone trug die Fahnen aller Länder, aus denen sie gekommen waren. Das sei „der Beweis für die geistige Einheit des gesamten Quäkertums und macht das Haus schon in seinem Entstehen zu einem internationalen Mittelpunkt unserer Arbeit. „Das Haus sieht aus, als ob es neu wäre. Aber es ist das alte Haus, nur ein wenig unsern heutigen Bedürfnissen angepasst. Seine Abmessungen sind unverändert. In den Wänden stecken die alten Balken; wer auf den Boden geht, sieht das alte Gebälk. Die Raumeinteilung des Hauptgeschosses ist dieselbe. Der große Raum ist unverändert. Es sind die alten Ziegel, die das Dach decken.“

Wie wurde der Bau finanziert? Aus England kamen 1933 und 1934 Spenden in Höhe von 23 000 Reichsmark (RM), aus den USA rund 1 000 RM, aus Deutschland 2 500 RM. Kleinere Spenden kamen aus der Schweiz, Norwegen und Palästina. Die Einnahmen betrugen 1932 bis 1934 insgesamt 46 330 RM, denen Ausgaben für Bau, Einrichtung u. s. w. in Höhe von 45 443 RM gegenüber standen. Als das Haus im Sommer 1933 eingeweiht wird, fehlen die „französischen Freunde, die ihre unermüdliche Hilfsarbeit für die Flüchtlinge am Kommen hindert“, schreibt der QUÄKER. Vielleicht waren dieses bereits Menschen, die vor dem NS-Regime geflohen waren. Leonhard und Mary Friedrich zogen 1933 eilends nach Pyrmont als deutlich wurde, dass die Hitlerjugend das Gebäude für eigene Zwecke nutzen wollte, und übernahmen die Betreuung des Hauses, kurz bevor im nun neuen Quäkerhaus die erste Jahresversammlung mit 150 Teilnehmenden anfing.

Ein längerer Artikel im QUÄKER von Anfang 1934 zeigt vier Abbildungen, die auch als Postkarten erhältlich gewesen sein sollen. „In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal Küche und Essraum in unserem Hause für die Nebenmahlzeiten in Benutzung genommen, obwohl in der Küche nur erst ein alter kleiner Gasherd steht und in dem Essraum noch der Fußboden und sonst noch viele Einrichtungsgegenstände fehlen. Das Haus ist dadurch wirklich unser Haus geworden.“ 1935 wurde das zehnjährige Bestehen der Deutschen Jahresversammlung mit 220 Teilnehmern aus dem In- und Ausland gefeiert. Nie zuvor hatten sich hier so viele Freunde versammelt.

Das Quäkerhaus in der NS-Zeit: Enteignung, HJ-Heim und Krankenhaus

1940 wurde als erste bauliche Veränderung ein Kohlenkeller angefügt. Nachdem im Mai 1942 Leonhard Friedrich in das KZ Buchenwald gebracht worden war, durchsuchte die Gestapo das Haus und versiegelte es. Am nächsten Tag kam die Polizei, um Mary Friedrich anzuklagen, die Verdunklungsvorschriften verletzt zu haben. Die Gestapo hatte nach der Durchsuchung des Hauses vergessen, das Licht auszumachen! Die folgenden Andachten wurden im Haus von Helene Glauner abgehalten. Insgesamt siebenmal durchsuchte in dem Jahr die Gestapo das Quäkerhaus sowie das Haus der Friedrichs, unzählige Male später erneut.

Im März 1943 requirierte die Gestapo dann tatsächlich das Quäkerhaus für die Hitler-Jugend. Eine Akte lässt in Mosaiksteinen die Vorgänge der Jahre 1943 bis 1945 erkennen. Der Landrat Seebohm schreibt Ende März 1943, dem Antrag auf Beisetzung von zwei Urnen von verstorbenen Frankfurtern auf dem Quäkerfriedhof in Pyrmont könne nicht stattgegeben werden, da dieser von der Gestapo beschlagnahmt worden sei. Es könne daher nicht im Sinne der Angehörigen sein, dass die Verstorbenen dort beerdigt würden.Bereits Mitte April 1943 ist davon die Rede, dass das Quäkerhaus an die Sicherheitspolizei zur Abhaltung von Lehrgängen vermietet werden sollte. Die Hitler-Jugend sei nicht mehr im Hause, da sich „die Jungens in dem Hause doch nicht so verhalten haben, wie man es erwarten konnte.“ Mary Friedrich schrieb wiederholt in ihr Tagebuch, dass Fensterscheiben des Hauses zerstört worden seien. Als sie mit Hans Albrecht und einem Rechtsanwalt das Quäkerhaus inspizierte, fand er dieses in einem schrecklichen Zustand. Den Garten des Quäkerhauses betreute sie durchgehend weiterhin, erlebte aber ständig neuen Vandalismus darin sowie im Haus.

Anfang Mai 1944 schreibt Hans Albrecht, dass das Haus zu Schulungskursen für Fürsorgerinnen verwendet werden solle. Zwei Monate später fragt er seinen Notar, wer für „den nicht unerheblichen Schaden an unserm Hause“ ersatzpflichtig sei. Das Haus solle dem Roten Kreuz übergeben werden. Dazu sei es notwendig, den bis dahin entstandenen Schaden festzustellen, da das Haus unter Denkmalschutz stehe. Anfang August wird gefordert, „den dauernden Beschädigungen am Quäkerhaus entgegen zu wirken.“ Der Hitler-Jugend wurde der Zutritt zum Gelände verboten. Die beiden unteren Zimmer sollten zum Schutz des Hauses von einem älteren Ehepaar aus Hannover, das dort ausgebombt worden war, bewohnt werden. Hans Albrecht berichtete dem Bürgermeister, dass das Haus „von den verschiedensten Gruppen zu allen möglichen Zwecken benutzt“ worden sei. Es sei aber nicht beschlagnahmt, sondern nur ‚sichergestellt‘ worden. Er verlangte Klarheit, wer über die Benutzung des Hauses verfüge.

Im Oktober 1944 sollte das Haus „als Hilfskrankenhaus und die Kücheneinrichtung für Zwecke der Gemeinschaftsverpflegung“ verwandt werden – „vom 1. November 1944 bis Kriegsende,“ wie es im Mietvertrag heißt. Anfang Januar 1945 heißt es, das Haus sei der „Volkswohlfahrt für die Unterbringung von Kranken und Siechen bis auf weiteres zugewiesen“ worden. Im März, berichtet Mary Friedrich, kamen zwei Busse mit 90 Menschen, viele von ihnen taub und blind. Keinerlei Vorbereitungen waren getroffen worden. Es gab kein Gas, kein Licht, das Wasser war abgeschaltet und so konnten die Toiletten nicht benutzt werden. Mary trug viele Eimer Trinkwasser von ihrem Haus zum Quäkerhaus und half den alten Menschen, ihre Notdurft im Garten zu verrichten. Nach einigen Tagen waren nur noch 28 Gäste im Haus. Zu den Schäden, deren Erstattung beantragt worden war, auch zur Beschlagnahmung von Privateigentum, schreibt die Gestapo Anfang März, dass „die Vorgänge in der Angelegenheit Leonhard Friedrich in Hannover durch Feindeinwirkung vernichtet worden“ seien.

Das Quäkerhaus nach dem Weltkrieg

Im Rathaus war man kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner unentschlossen, was geschehen sollte. Die SS wollte nicht aufgeben, der oberste Arzt der Stadt, Dr. Glaser, setzte sich für Übergabe der Stadt ein, um diese zur Lazarett-Zone zu machen. Schließlich fand in letzter Minute ein Obergefreier am 5. April den Mut und fuhr mit seinem Fahrrad den Amerikanern mit einer weißen Flagge entgegen und rief „We surrender“. Wenige Minuten später erreichten die Amerikaner den Brunnenplatz und wurden dort von Dr. Glaser empfangen. Einige Tage später sollten im Quäkerhaus amerikanische Soldaten einquartiert werden und alle im Haus Lebenden wurden aufgefordert, es zu verlassen. Mary spricht mit dem amerikanischen Kommandanten und bittet darum, dass das Haus wieder den Quäkern überlassen wird. Dieser stimmt zu und meint, es entspräche amerikanischer Praxis, dass religiöse Zentren wieder für Gottesdienste benutzt werden sollten.

Am 25.April 1945 bitten die Freunde den Bürgermeister, „die unbenutzten Räume – den Speisesaal und die beiden Büroräume – zur Ausübung ihrer Andachten und zur Neuaufstellung ihrer Bibliothek zu überlassen.“ Am 15. April 1945 kamen die Freunde zu einer ersten Andacht im Quäkerhaus zusammen. Seit Ende Mai 1942 hatten diese dort nicht mehr stattfinden können, waren aber, wie erwähnt, durchgehend in Privathäusern abgehalten worden. Mary konnte im Mai viele Bücher, Büromaterialien und 30 Stühle, die 1942 beschlagnahmt worden waren, aus der Stadthalle abholen. Am Pfingstsonntag verlassen die letzten Einquartierten das Quäkerhaus und als Mary nach der Andacht aus dem Quäkerhaus trittt, kommt ihr Leonhard entgegen, nach dreijähriger Haft im KZ Buchenwald. Brenda Bailey berichtet in der Biogaphie ihrer Eltern im Detail, was er dort erlebt hatte. Erst gut 20 Jahre später verlassen beide Pyrmont, um in England ihrer Tochter näher zu sein.

Spätere Veränderungen am Haus

1965 ergab sich aus einem von dem Freund Friedemann Schulz entworfenen Anbau die heutige Gestalt des Quäkerhauses. 160 000 DM wurden für den Anbau benötigt, die zur Hälfte durch einen Hausverkauf in Lüneburg gedeckt werden konnten. Zur Grundsteinlegung am 21. September 1965 sprach Otto Buchinger. Er verwies in seiner Ansprache auf den ursprünglichen Bau von 1800 und den Neubau von 1932 und gedachte der ausländischen Freunde, die am Leben der Pyrmonter Gruppe einst teilgenommen hatten: John Pemberton (1795), Stephen Grellet, Richard Cary, der 1933 starb. Er und John Pemberton sind auf dem Friedhof in Pyrmont begraben worden. Otto Buchinger gedachte auch der Wiederbegründer des Quäkerhauses: Hans Albrecht, Emma Raeydt, Joan Mary Fry und Leonhard Friedrich. Er erinnerte auch an Carl Severing, den preußischen Innenminister, der das Grundstück aus preußischem Staatseigentum zur Verfügung gestellt hatte. Anwesend waren u. a. auch Brenda Bailey und Paul Österreicher. Zu einer entscheidenden Änderung kommt es in den neunziger Jahren. Die Pacht des Grundstücks näherte sich dem Ende und dank einer großzügigen Spende einer einzigen Freundin aus dem Frankfurter Raum war es möglich, das Grundstück zu erwerben. In diesem Zusammenhang wurde auch der vor der alten Mauer liegende Parkplatz für uns zurückgewonnen und umgewandelt. Dem folgte, dass mit neuem Schwung an eine Renovierung, vor allem im Inneren des Hauses, gedacht werden konnte, die nach mehreren, für alle offenen, Beratungen vom Hausausschuss weitsichtig realisiert wurde. Ein Archivraum über dem Büro wurde geschaffen, der Toilettenbereich saniert, ein Lagerraum für die Küche eingerichtet und der Treppenabgang neu gestaltet. Die Seitenbänke und das vertraute Gestühl im Andachtsraum – an Kinositze erinnernd – konnte durch eine moderne Bestuhlung ersetzt werden.