Einfachheit

Einfachheit

Das Quäkerzeugnis der Einfachheit entstand zum einen aus einem spirituellen Bedürfnis heraus, zum anderen aus sozialen Anliegen und als Konsequenz der anderen Zeugnisse.

„Nach außen bedeutet Einfachheit das Meiden des Überflüssigen in Bezug auf Kleidung, Sprache, Verhalten und Besitz, was alles dazu führt, uns den Blick auf die Realität zu verschleiern. Nach innen bedeutet Einfachheit, geistig von weltlichen Dingen Abstand zu nehmen als Teil unserer Bemühung, das erste Gebot Gottes zu erfüllen: Gott mit ganzem Herzen, ganzem Geist und ganzer Kraft zu lieben. “

— North Carolina (Conservative) Yearly Meeting, 1983,
Glaube und Wirken 20.27

Vom Geschenk der Einfachheit

Im Shaker-Lied „Simple Gifts“, das auch Quäkerinnen und Quäker gerne singen, heißt es: „It’s a gift to be simple, it’s a gift to be free“ – „Es ist ein Geschenk, einfach zu sein/zu leben, es ist ein Geschenk, frei zu sein“.
Für die eigene Spiritualität empfinden Quäkerinnen und Quäker Einfachheit nicht als Einschränkung, sondern als Bereicherung – es geht nicht darum, wieviele materielle Dinge man besitzt, sondern darum, sich nicht von ihnen besitzen zu lassen. Das Zeugnis der Einfachheit handelt auf der individuellen Ebene davon, sich auf das zu konzentrieren, was einem wichtig ist. Einfachheit ist eine Form der Achtsamkeit, die spirituelles Wachstum ermöglicht, nachdem Ablenkungen und Überflüssiges aus dem Weg geräumt und liegen gelassen wurden. Die einfache Form unserer Andacht ist von Ritualen, Prunk und Schmuck befreit und befreit damit auch uns.
Einfachheit ist kein Wert an sich, sondern das Ergebnis eines Lebens und Glaubens, das nach den Wurzeln strebt, eines Leben, in dem die Erfahrung direkt, das Wissen klar und das Tun wahrhaftig sein soll. Die Frühen Quäker versuchten den Glauben und ihre Lebensweise von allem freizulegen, was dabei ablenkend und störend ist – und das ist es, was heute unter dem Zeugnis der Einfachheit verstanden wird.

Einfach(es) Leben

Einfachheit ist Quäkerinnen und Quäkern aber nicht nur spirituelles Bedürfnis und befreiende Gabe, sondern auch die ganz praktische Antwort auf soziale Anliegen und das Leben der Zeugnisse von Gleichwürdigkeit und Wahrhaftigkeit im Alltag. So waren etwa die Frühen Freunde dafür bekannt, dass sie eine „einfache Sprache“ pflegten, die ohne Höflichkeitsformen und Titel auskam. Auch heute nennen sich deutsche Quäkerinnen und Quäker gegenseitig beim Vornamen und Duzen sich, und erkennen in der einfachen Sprache die Gleichwürdigkeit aller Menschen an. Auch die einfache Kleidung und der Verzicht auf Statussymbole diente und dient zugleich dem eigenen Bewusstwerden dessen, was uns wichtig ist (und was nicht), und dem Versuch, keine künstlichen Unterschiede zwischen Menschen herzustellen und zu betonen. Ganz praktisch schließlich ermöglicht der Verzicht des Einen, mit dem Anderen zu teilen – Geld, Ressourcen, Zeit.

„Versuche einfach zu leben. Ein aus freiem Willen gewählter einfacher Lebensstil ist eine Quelle der Stärke. Lass dich nicht dazu verlocken, Dinge zu kaufen, die du nicht benötigst oder die du dir nicht leisten kannst. Informierst du dich über die Auswirkungen, die dein Lebensstil auf die Weltwirtschaft und die Umwelt hat? “

— Ratschläge und Fragen, 41

Alles Grau in Quäkergrau?

Das Zeugnis der Einfachheit hat zu einem Missverständnis geführt: Die meisten heutigen Quäker tragen weder immer grau, noch Hauben und Schürzen! Zwar glaubten die Frühen Freunde, dass es wichtig ist, nicht nur den materiellen Besitz, sondern auch die Sprache und die Kleidung einfach und frei von Extravanganz zu halten, um sich nicht abzulenken. Diese Haltung, „plainness“, machte die Quäkerinnen und Quäker im 18. und 19. Jahrhundert auch optisch erkennbar, weil ihre Kleidung nicht der Mode, sondern rein praktischen Überlegungen folgte, eben nicht der sozialen Selbstdarstellung und Distinktion diente. Aber dabei handelte es sich nicht um eine Uniformierung, und heutige Quäker sehen größtenteils nicht aus wie jene, die wir aus Filmen wie „Friendly Persuasion“ oder von der Verpackung der „Quaker Oats“ kennen. Quäkerinnen und Quäker heute beantworten für sich und im Austausch mit anderen, was Einfachheit für sie bedeutet, und im Bezug auf die Kleidung zeigt sich das beispielsweise im Verzicht auf Markenlogos, den Besitz fair und nachhaltig hergestellter Kleidung und eine Beschränkung auf das, was wir brauchen, anstatt uns in dem zu verlieren, was wir wollen. Sie definieren sich damit gerade nicht über ihre Kleidung und andere Äußerlichkeiten, sondern über ihr Suchen und ihr Wirken.

„Ich wünschte, ich könnte hervorheben, wie einfach ein Leben wird, wenn es von treuer Sorgfalt für einige wenige Anliegen bestimmt wird. Zu viele von uns haben zu viele Eisen im Feuer. […] Das auf Anliegen ausgerichtete Leben ist von innen her geordnet und organisiert. Und wir lernen Nein wie auch Ja zu sagen, indem wir auf die Führung der inneren Verantwortlichkeit hören. Die Einfachheit der Quäker soll nicht nur in Kleidung und Architektur und Höhe der Grabsteine ausgedrückt werden, sondern auch in der Struktur relativ vereinfachter und koordinierter Lebensprogramme sozialer Verantwortlichkeit. “

— Thomas R. Kelly, 1941, Glaube und Wirken 20.36

Einfachheit als Zeugnis

Einfachheit leben bedeutet auch Zeugnis von Gleichwürdigkeit und Gemeinschaft abzulegen und Wahrhaftigkeit in der Übereinstimmung von Glauben und Wirken zu suchen. Wie alle unsere Zeugnisse ist auch die Einfachheit damit von unseren anderen Zeugnissen nicht trennbar. In den letzten Jahrzehnten wurde die soziale Notwendigkeit von Einfachheit als Form des Umgangs mit den natürlichen Ressourcen noch einmal neu deutlich und aktualisiert: Einfachheit bedeutet aus dieser Perspektive, nicht mehr zu verbrauchen als notwendig, und zeigt sich etwa im individuellen und gemeinschaftlichen Versuch, unseren „ökologischen Fußabdruck“ zu verkleinern, bewusst und kritisch zu konsumieren, ethisch zu investieren, auf Flugreisen zu verzichten und dem Motto „Reduzieren, Wiederverwenden, Recyclen“ zu folgen.