Quäkervielfalt weltweit

Quäkervielfalt weltweit

Wenn wir auf diesen Seiten von „uns Quäkern“ sprechen, meinen wir meist die ‚liberale/unprogrammierte‘ Tradition des Quäkertums, der die Deutsche Jahresversammlung und die meisten Quäker in Westeuropa angehören. Dabei handelt es sich aber nur um eine Ausprägung des Quäkertums.

Historische Entwicklungen, theologische Strömungen

Das Quäkertum ist heute auf allen Kontinenten vertreten. Theologische Differenzen im 19. Jahrhundert und die Vielfalt der kulturellen Kontexte, in denen Freunde heute leben, führten dazu, dass unter den über 350.000 Quäkern weltweit heute eine große Vielfalt herrscht, zumal es bei den Quäkern keine einende religiöse Autorität (Kirchenoberhaupt) gibt. Es entstand Mitte des 17. Jahrhunderts in England und verbreitete sich von dort über die britischen Inseln, Europa und Nordamerika. In Nordamerika kam es im 19. Jahrhundert zu Spaltungen innerhalb der religiösen Gesellschaft aufgrund von Unterschieden in der Auffassung der Rolle der Bibel und der Art der Andacht. In diesen verschiedenen Ausprägungen – je nach Zählung etwa vier verschiedene –  verbreitete sich das Quäkertum dann von Nordamerika aus weiter.

Traditionen und ‚Flavours‘

Wenn sie diese theologische Vielfalt weltweit beschreiben möchten, sprechen Quäker meist von verschiedenen „Traditionen“, um zu betonen, dass sich Quäker unter historischen und kulturellen Bedingungen entwickeln, und dennoch eine Geschichte teilen, oder von „Flavours“ („Aromen“). Denn auch wenn für die meisten Quäker ihre Tradition ihre spirituelle Heimat ist, und andere Quäkertraditionen ihnen durchaus fremd sein können, wissen sie um die Vielfalt und deren Wert. Differenzen über theologische und weltanschauliche Fragen oder die Art, wie wir Andacht halten, schließen nicht aus, die Vielfalt der Traditionen als „Geschmackssache“ zu sehen, denn alle Quäker eint die Suche nach der Erfahrung des Inneren Lichtes. Ein dritter Versuch, die Quäkervielfalt zu beschreiben, ist das Bild der „Weltfamilie der Freunde“, einer Gemeinschaft von teils weit entfernten Cousins und Schwippschwagern, die bei allen Meinungsverschiedenenheiten aber Vertrautheit und Achtung verbindet.

Gemeinhin wird unterschieden zwischen liberalen/unprogrammierten, programmierten, evangelikalen und conservative Quäkern.

Es gibt heute (alle Daten im Folgenden: FWCC 2012) unprogrammierte bzw. liberale Quäker in Ägypten, Australien, Belgien, Costa Rica, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Ghana, Großbritannien, Hong Kong, Irland, Italien, Japan, Kanada, Kenia, Kongo, Lettland, Libanon, Litauen, Neuseeland, Niederlande, Nigeria, Norwegen, Österreich, Palästina, Russland, Schweden, Schweiz, Sierra Leone, Singapur, Spanien, Südafrika, Südkorea, Ungarn und USA. Ihre Zahl entspricht 11% der Quäker weltweit.

Programmierte Quäker gibt es heute in Belize, Cuba, El Salvador, Indien, Jamaica, Kenia, Mexico, Sri Lanka, Tanzania, Uganda und USA. Ihre Zahl entspricht 49% der Quäker weltweit.

Evangelikale Quäker finden sich heute in Bolivien, Burundi, Kambodscha, Kongo, Guatemala, Honduras, Ungarn, Indien, Indonesien, Irland, Mexico, Nepal, Peru, Philippinen, Russland, Ruanda, Taiwan und USA. Ihre Zahl entspricht 40% der Quäker weltweit.

Conservative Quakers (d.h. ‚orthodoxe‘ Quäker) gibt es heute in Griechenland, Großbritannien und den USA, mit 0,003% die kleinste Tradition.

In einigen Ländern (z.B. USA, Kenia, Irland, Ungarn) gibt es also Freunde verschiedener Tradtionen. Häufig (aber nicht immer) sind diese auch in eigenständigen Jahresversammlungen organisiert.

Was machen ‚programmierte‘, ‚evangelikale‘ und ‚conservative‘ Quäker anders?

Schon innerhalb unserer unprogrammierten/liberalen Tradition gibt es große Unterschiede. Unser Glaube ist lebendig, baut auf unmittelbarer Erfahrung und Offenbarung und nicht auf Dogmen, dementsprechend ist er dynamisch (aber nicht beliebig!). Innerhalb der deutschen Jahresversammlung gibt es eine Vielzahl von Stimmen, Erfahrungen, Hintergründen, spirituellen und theologischen Überlegungen. Wir sehen es als Gewinn an, dass man auf eine Frage, die man unter Quäkern stellt, viele verschiedene Antworten erhält. Freunden anderer Traditionen geht es da ganz ähnlich, und programmierte Jahresversammlungen z.B. in den USA und in Kenia unterscheiden sich voneinander ebenso wie auch ihre Mitglieder unterschiedliche Worte finden würden, um ihr Quäkertum zu beschreiben.

Grundsätzlich unterscheiden sich ‚programmierte‘ und ‚evangelikale‘ Quäker von jenen der liberalen/unprogrammierten Tradition vor allem durch einen stärker „programmierten“ Andachtsstil, d.h. sie haben eine Liturgie. Programmierte Andachten haben einen festgelegten Ablauf, etwa mit Gesang, Gebeten, Bibellesung, Predigt. Die wartende stille Andacht, wie sie in der religiösen Gesellschaft in Deutschland üblich ist, ist in der programmierten Tradition meist ein (unterschiedlich großer) fester Bestandteil der programmierten Andacht. Evangelikale Quäker sind meist stärker christozentrisch als liberale Quäker. Entsprechend ist ihnen Verkündigung ein zentrales Anliegen, das die liberalen Quäker, die aus Gründen religiöser Toleranz nicht missionieren, nicht teilen. Während den liberalen Quäkern die Bibel als historisches Zeugnis gilt, das weniger wichtig ist als die unmittelbare Erfahrung, spielt die Bibel für evangelikale Quäker eine zentrale Rolle. Insbesondere in Ostafrika,Lateinamerika und Teilen der USA haben evangelikale Quäker auch bezahlte Pastoren, während die liberalen Quäker das Priestertum aller Gläubigen leben. Conservative Friends schließlich versuchen die Weise und Theologie der Frühen Freunde, also der Quäker im 17. Jahrhundert, zu erhalten und haben meist unprogrammierte Andachten, sind aber christozentrisch orientiert.

Einheit in der Vielfalt?

Was Quäker weltweit, über alle Kontinente und alle Traditionen hinweg eint, ist der Glaube an das von Gott in jedem Menschen und die Möglichkeit der unmittelbaren Erfahrungen dieses Inneren Lichts. Auch die Zeugnisse – Einfachheit, Frieden, Wahrhaftigkeit, Gemeinschaft und Gleichwürdigkeit – sind für alle Quäker weltweit wichtig, auch wenn sie sie unterschiedlich auslegen. Und schließlich ist die Einheit und Untrennbarkeit von Glaube und Wirken eine Grundüberzeugung und Praxis, die Quäker weltweit im doppelten Sinne eint. Auch wenn sie sich theologisch und auch weltanschaulich teils sehr deutlich unterscheiden, ist ihre Haltung zu sich, zu Gott und zur Welt in der sie leben, vergleichbar. In vielen Hilfsprojekten der Quäker weltweit arbeiten Jahresversammlungen aus verschiedenen Traditionen zusammen. Und Projekte wie PAG (Projekt Alternativen zur Gewalt) gehören ebenso wie die Methode unserer Geschäftsandachten (also die Art, wie wir unsere gemeinschaftlichen Angelegenheiten nicht durch Hierarchien oder Abstimmungen regeln, sondern durch den Geist geführt und einmütig beschließend) zum Wissens- und Erfahrungsschatz der Quäker weltweit.