Wahrhaftigkeit

Wahrhaftigkeit

„Die Wahrheit ist immer ein und dieselbe und obwohl die Zeitalter und Generationen vergehen und eine Generation geht und eine andere kommt, so bleibt doch das Wort und die Kraft und der Geist des lebendigen Gottes für immer bestehen, und bleibt gleich und ändert sich nie.“

— Margaret Fell , Glaube und Wirken 19.61

Integrität

Quäkerinnen und Quäker streben ein Leben an, in dem das, was sie als wahr (oder als „von Gott“) erkannt haben, im Mittelpunkt steht und die Richtung vorgibt. Ein wahrhaftiges Leben zieht die Konsequenzen aus Überzeugungen und bringt Sagen und Tun in Übereinstimmung, wie es sich auch im Quäkergrundsatz der Untrennbarkeit von Glauben und Wirken ausdrückt. Mit dem Zeugnis der Wahrhaftigkeit geht es also nicht nur darum, sich konsequent und konsistent zu verhalten, und sich möglichst wenig von äußerem Druck, falschen Werten und Ängsten ablenken zu lassen.
Wahrhaftigkeit ist damit zunächst ein Verhältnis zu sich selbst und zu anderen, das sich aus einem Verhältnis zu Gott/zur Wahrheit ergibt. Wenn Wahrhaftigkeit fehlt, entfernen wir uns von der Wahrheit, wie wir sie erfahren haben, von unserem eigenen Wesen, vom Inneren Licht und von unserer Gemeinschaft.

Dein Ja sei Ja, dein Nein sei Nein

„Es ist oft schwer zu akzeptieren, dass andere Menschen eine eigene echte Beziehung zu Gott haben, eine eigene Besonderheit und eigene Einsichten. Wir sind nicht nur Jünger – wir sind gemeinsam Jünger. Unsere Vision der Wahrheit muss groß genug sein, die Wahrheit anderer Menschen wie auch unsere eigene einzuschließen.“

— Beth Allen, 1984, Glaube und Wirken 10.28

Wahrhaftigkeit als Selbstverhältnis impliziert den Anspruch, mit sich selbst ehrlich zu sein, sich nicht anders zu geben, als man ist, und sich nicht zu verstellen – und zu dem, was man für richtig erkannt hat, auch zu stehen, wenn es einfacher wäre, den weniger steinigen Weg zu gehen. Das gilt insbesondere, wenn es darum geht, gegen Mächtige die Stimme zu erheben: Den Mächtigen der Welt die Wahrheit sagen.
Nach Außen hin zeigt sich dieses Selbstverhältnis etwa in dem Versuch, nicht zu lügen und Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen. Dazu gehört auch, keine Eide zu schwören, denn ein Eid impliziert einen Doppelstandard, der dem Anspruch, immer und überall die Wahrheit zu sagen, entgegensteht. Auch im Wirtschaftsleben versuchen Quäkerinnen und Quäker sich ehrlich zu verhalten – mit dem Ergebnis, dass sich im im 19. Jahrhundert diverse Firmen „Quäker“ nannten, um von dem guten Ruf zu profitieren, ohne von Quäkern betrieben zu werden.

Die Wahrheit? – Trage dein Schwert, solange du es kannst

Quäkerinnen und Quäker sind, obwohl sie versuchen, ein wahrhaftiges Leben zu führen, vorsichtig mit dem Begriff der Wahrheit, wenn er für Konkreteres als die Erfahrung des Lichts, der Liebe oder der Gütekraft verwendet wird: Der Versuch, den eigenen tiefsten Erfahrungen und Werten entsprechend zu handeln, soll nicht verhindern, dass wir offen sind für neue Ideen, neue Lösungen, neue Wege. Wir wissen, dass unser Verständnis der Wahrheit in jedem Moment unvollständig ist, nur eine Annäherung, die ständiger Überprüfung und Verbesserung bedarf. Das bedeutet auch, dass wir unser jeweiliges Verständnis anderen Menschen nicht als allgemeingültig aufdrängen, sondern ihnen in ihrer eigenen Wahrheitssuche mit Respekt begegnen wollen. Anstatt andere zu verurteilen, versuchen wir sie durch die richtigen Fragen darin zu unterstützen, das zu finden, was sie als wahr erkennen, und durch Gemeinschaft darin, diesem dann entsprechend zu handeln.

„Das Geheimnis liegt aber darin, wie die Wahrheit gesagt wird. Wird sie voll Verachtung, voll Bitterkeit, voll Hass gesagt, so verbittert sie; wird sie aber in Liebe gesagt, so können die Tore im Herzen des anderen sich langsam auftun, so dass sie vielleicht wirken kann. Wir können die Spannungen lösen helfen und in rechter Weise in ihnen leben, wenn wir gleichzeitig beide Gebote Christi erfüllen: das Gebot der Liebe und das Gebot der Wahrheit. […] Friedensbereitschaft ohne Wahrhaftigkeit ist wertlos und schafft keinen Frieden – Wahrhaftigkeit ohne Liebe hat keine Wirkung, denn sie wird gar nicht gehört.“

— Margarete Lachmund 1957, Glaube und Wirken 24.34

Ein Beispiel dafür ist eine bekannte Anekdote: William Penn, der als Admiralssohn in der Öffentlichkeit ein Schwert trug, fragte George Fox um Rat, ob er das Schwert ablegen solle. Fox‘ Antwort, “Trag es solange du kannst“, machte Penn keine Vorschriften, machte nicht die Wahrhaftigkeit des Einen zur Regel des Anderen. Fox ging aber davon aus, dass Penn, wenn er in die Stille gehe und sich für Veränderung öffne, das Schwert irgendwann nicht mehr tragen können würde, und bot ihm an, ihn in diesem Prozess zu begleiten. Menschen sind unterschiedlich, und so unterschiedlich sind auch unsere Herausforderungen, Wege, Geschwindigkeiten und Anliegen. Wir wollen uns den Raum für spirituelles Wachstum weder durch Regeln und Normen nehmen lassen, noch durch Inkonsequenz und Beliebigkeit.