Entscheidungsfindung

Entscheidungsfindung

Freiheit und Verantwortung

Entscheidungsfindung (englisch: discernment) ist eine zentrale Praxis der Quäker: Jede und jeder Einzelne von uns muss – ohne einer theologischen Autorität zu folgen – herausfinden, was er/sie tun soll und sagen kann. Quäker vertrauen darauf, dass die Gegenwärtigkeit Gottes durch jeden einzelnen Menschen zugänglich ist. Aus diesem Geschenk resultiert Verantwortung, genau hinzuhören und herauszufinden, was richtig ist und was falsch, welche unserer Entscheidungen und Wünsche egoistischen Bedürfnissen und Ängsten entspringen und welche „dem von Gott“ in uns.

Entscheidungsfindung als spiritueller Prozess bedarf der Übung: In der individuellen Entscheidungsfindung, in der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung in den Geschäftsandachten und in Formen, mit denen Quäker die individuelle Entscheidungsfindung unterstützen (Meeting for Clearness). Entscheidungsfindung (Discernment) ruht auf dem Vertrauen in die Führung durch das Innere Licht, wird ermöglicht durch die Andachtshaltung  – und  bedarf der Liebe, der Geduld, der aufmerksamen Aufgeschlossenheit und nicht zuletzt der Übung und Disziplin: Durch Erfahrungen und unsere Fehler wächst das Vertrauen in den Prozess; durch Disziplin, d.h. das Einhalten unserer selbstgesetzten Regeln schrumpft der Einfluss von Ablenkungen und der Lärm durch innere und äußere falsche Ratgeber verstummt. Individuell und gemeinschaftlich versuchen wir die Weisung des Inneren Lichtes zu hören, und in unserem Leben als Gemeinschaft  versuchen wir, diese als Grundlage einer einmütigen Entscheidung zu nehmen.

Entscheidungsfindungen in der Geschäftsandacht

In Geschäftsversammlungen treffen wir Entscheidungen, die unser konkretes Zusammenleben und unser Wirken betreffen. Weil die Geschäftsversammlung Teil unseres spirituellen Lebens ist und im Geist der Andacht steht, sprechen wir auch von Geschäftsandachten. Dabei geht es etwa um Mitgliedschaftsangelegenheiten, die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, unsere Finanzen, gemeinsame Aktionen, unsere Ämter. Das sind wichtige Entscheidungen, aber ebenso wichtig ist es uns, sie in einer guten Weise zu treffen, so dass nicht nur wir als Gemeinschaft unsere Entscheidungen tragen können, sondern unsere Entscheidungen auch uns.

Meist unterscheiden wir zwischen einer Informations- und Diskussionsphase und einer Phase der Entscheidungsfindung. Jedes Mitglied kann sich zur Sache äußern, und sollte dies auch tun, wenn es sich in Verantwortung dazu aufgerufen fühlt. In der Phase der Entscheidungsfindung versuchen wir, von unseren egozentrischen Perspektiven abzusehen und andächtig zu erfahren, was der richtige Weg ist. Wir streben dabei eine einmütige Beschlussfassung an. Als “sense of the meeting” bilden solche Entscheidungen die Erfahrung spirituell geführter Einmütigkeit ab. Es ist Aufgabe des jeweiligen Schreibers/der jeweiligen Schreiberin klare Worte zu finden, die den Beschluss und den „sense of the meeting“ wiedergeben. Der Schreiber/die Schreiberin tut dies gehalten durch die schweigende Versammlung. Er oder sie liest anschließend den Text vor, “testet ihn”. Werden keine weiteren Bedenken geäußert, so gilt die Niederschrift als Beschluss, nach dem künftig verfahren wird.

Diese Art der Entscheidungsfindung ist oft anstrengend, und sie verlangt von jedem Einzelnen viel Disziplin und die Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Manchmal dauert sie länger, als wir es uns wünschen – aber sie ist langfristig gesehen sehr effektiv. Eine Beschlussfassung, in der jede/r gehört wird, und die zu Einmütigkeit führt, hat eine große Kraft. Sie stärkt unsere Gemeinschaft ebenso wie unser Wirken in der Welt.