Gleichwürdigkeit

Gleichwürdigkeit

Gleichheit/Gleichwürdigkeit leben

Das Zeugnis der Gleichwürdigkeit ist direkter Ausdruck der spirituellen Kernerfahrung der Quäker: Dass jeder Mensch, ungeachtet seines Geschlechts oder Alters, seines sozialen Hintergrunds oder seines Bildungsstands, seiner Nationalität oder Hautfarbe, seiner sexuellen Identität oder anderer Unterschiede zwischen Menschen in gleicher Weise befähigt ist, das Göttliche unmittelbar zu erfahren. Jeder Mensch trägt „das von Gott“ in sich, das Innere Licht ist in jedem Menschen – daher gebührt jedem Menschen die gleiche Achtung.
Aus dieser Erfahrung heraus bemühen Quäkerinnen und Quäker sich, diese „Gleichheit vor Gott“ zu leben, und zwar in den eigenen Formen der Organisation und Andacht (keine Pastoren, keine formalen Hierarchien), im Miteinander und in der Interaktion mit der Welt. Dies spiegelte sich in den frühen Tagen der Quäker darin wider, dass Frauen und Männern die gleiche geistige Autorität zuerkannt wurde und dass man sich weigerte, Anreden zu benutzen, die soziale Unterschiede markierten, oder den Hut vor weltlichen Autoritäten zu ziehen.
Die Anerkennung der Gleichheit aller Menschen korrespondiert mit der Ablehnung von künstlichen Hierarchien und Diskrimierung und führt zum Einsatz für mehr Gleichheit unter den Menschen. Wir treten ein für die Rechte diskriminierter Menschen – sind aber auch aufgefordert, zu prüfen, ob unser eigener Lebensstil und unser Verhalten Ungleichheit verstärkt. Dabei geht es um Themen wie soziale Integration, ethische Geldanlage, Fairen Handel, das Vermeiden von Ausbeutung, um Asylbewerber, Flüchtlinge, Gefangene und sozialen Wandel.

„Bist du wachsam gegenüber Praktiken hier und in aller Welt, die Menschen auf Grund ihrer Herkunft, ihrer Lebensumstände oder wegen ihres Glaubens diskriminieren? Lege Zeugnis für die Würde aller Menschen ab und schließe auch die ein, die sich nicht an die Konventionen der Gesellschaft und an ihre Gesetze halten. Versuche, neue Ansatzpunkte im sozialen und wirtschaftlichen Leben zu erkennen. Versuche die Gründe für Ungerechtigkeit, soziale Unruhe und Angst zu verstehen. Hilfst du mit, eine gerechte und mitmenschliche Gesellschaft aufzubauen, in der jeder seine Fähigkeiten entwickeln kann und der Wunsch zu dienen gefördert wird?“ (Ratschläge und Fragen, 33)

Vielfalt schätzen: Gleichheit oder Gleichwürdigkeit?

Der deutsche Begriff „Gleichheit“ klingt für manche Quäker nach einer Uniformität oder Gleichmacherei, weshalb sie den Begriff „Gleichwürdigkeit“ bevorzugen. Für Quäkerinnen und Quäker bedeutet Gleichheit nämlich auch, die Unterschiede zu würdigen und Vielfalt zu schätzen: Wenn ich davon ausgehe, dass alle Menschen in gleicher Weise „das von Gott“ in sich tragen, dann bedeutet das auch, dass ich aufmerksam und offen sein muss, statt das, was mir an ihnen fremd erscheint, abzulehnen.
Die Freunde haben erfahren, dass das Licht versammelte Gruppen wie einzelne Menschen zu einer Gemeinschaft in Glauben, Gewissen und Erfahrung verbinden kann. Wir müssen lernen, miteinander umzugehen, indem wir das Beste, das wir aneinander finden, bekräftigen und unterstützen.

„Achtest du „Das von Gott“ in jedem, selbst wenn es auf ungewohnte Weise zum Ausdruck kommt oder schwer erkennbar ist?“  (Ratschläge und Fragen, 17)

Frauen im Quäkertum

Bereits die ersten Quäkerinnen und Quäker, die „frühen Freunde“ erkannten an, dass Männer und Frauen vor Gott gleich sind. In Quäkerandachten kann jede und jeder sprechen. Diese Förderung der „Frauenpredigt“ stand im starken Kontrast zur zeitgenössischen Theologie, die das Sprechen von Frauen in der Kirche strikt ablehnte. Eine der wichtigsten theologischen Schriften zu diesem Thema stammt von Margaret Fell: „Women’s Speaking Justified“, eine theologische Herleitung der Rechtfertigung und Notwendigkeit der Geschlechtergleichheit vor Gott.
Die frühen Freundinnen und Freunde ermutigten die Frauen, Verantwortung im Entscheidungsfindungsprozess in der Gemeinschaft zu übernehmen. Weil dies anfangs schwierig war – nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen mussten ihre kulturelle Prägung überwinden – hatten die ersten Quäkergemeinschaften teilweise nach Geschlechtern getrennte Geschäftsandachten (mit einem ausgeklügelten System des Austauschs) als „eigene Räume“, in denen die Frauen ihre Stimme fanden. Über diese Women’s Meetings gelangten wesentliche Impulse in Fragen des sozialen Wandels in die Quäkergemeinschaft. Quäkerinnen (und Quäker) waren aktiv in der historischen Frauenbewegung und arbeiten auch heute an der Gleichberechtigung der Geschlechter auch außerhalb der Quäkergemeinschaften.

Das innere Licht in jedem Menschen sehen und bestärken – Gefängnisarbeit

Quäkerinnen und Quäker begannen schon früh, sich um die Menschen zu kümmern, die in der Gesellschaft als anders weggeschlossen wurden, mit der Gründung des ersten psychiatrischen Krankenhauses Englands einerseits und dem Einsatz für Gefangene andererseits. Im England des 19. Jahrhunderts waren es vor allem Elisabeth Fry und John Gurney, die Gefangene praktisch unterstützten sowie für eine Gefängnisreform (mit menschenwürdigen Bedingungen und einem Modell der Resozialisierung statt Stigmatisierung) und gegen die Todesstrafe Lobbyarbeit leisteten.
Auch heute sind Quäkerinnen und Quäker in Gefängnissen aktiv, in Deutschland insbesondere über das „Projekt Alternativen zur Gewalt“. Dabei handelt es sich um Trainings für Gefangene, in denen diese durch die Förderung von Selbstvertrauen, Wertschätzung, gegenseitigem Respekt, Gemeinschaft, Zusammenarbeit und Vertrauen darin bestärkt werden, in ihrem Leben einen Weg zur Gewaltfreiheit zu beschreiten. Dabei wird nicht mit Gewalt gegen Gewalt agiert („Antiagressionstraining“), sondern eine innere Stärkung gesucht, die es den einzelnen Menschen ermöglicht, gewaltfreie Lösungen zu finden. Das Programm basiert also auf der Überzeugung der Gleichwürdigkeit und versucht, das Licht in jedem Menschen zu sehen und es zu stärken.

Quäkertum und sozialer Wandel – gestern und heute

Rückblickend betrachtet standen die Quäkerinnen und Quäker häufig in vorderster Reihe, wenn durch sozialen Wandel die Verhältnisse zwischen Menschen verändert und ihre Gleichwürdigkeit anerkannt wurde. Prominente Beispiele dafür sind die guten und gerechten Beziehungen, die die nach Nordamerika ausgewanderten Quäkerinnen und Quäker mit der dortigen indigenen Bevölkerung führten, und der Einsatz für die Beendigung der Sklaverei. In der jüngeren Zeit haben sich die Quäkerinnen und Quäker der unprogrammierten, liberalen Tradition – d.h. auch die meisten Jahresversammlungen in Westeuropa – aktiv eingesetzt für die Rechte Homosexueller und gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.
So wichtig der Beitrag der Quäkerinnen und Quäker im Kampf gegen die Sklaverei auch war, dauerte es fast 100 Jahre, bis die Quäker sich gemeinsam und absolut gegen diese Praxis stellten. Zuvor hatten Einzelne zum Handeln aufgefordert, aber andere Quäker waren selbst in ein Wirtschaftssystem verstrickt, dass auf Sklaverei basierte, und hörten nicht. Und auch heute wird das Eintreten der liberalen Quäkerinnen und Quäker für die Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare nicht von allen Quäkern weltweit (insbesondere in Teilen der USA und Afrikas) geteilt.
Im Nachhinein ist man immer schlauer – rückblickend betrachtet wissen wir, dass wir stolz und dankbar sein können für den Einsatz früherer Quäkergenerationen, die Gleichwürdigkeit lebten, und damit den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen häufig voraus waren oder diese vorantrieben. Aber was heißt es heute, Zeugnis für Gleichwürdigkeit abzulegen? Auch heute gibt es Menschen, die diskriminiert und nicht mit gleichen Rechten ausgestattet werden. Wir müssen lernen, die Gleichwürdigkeit aller Menschen anzuerkennen und zu leben, auch wenn das bedeutet, unsere Komfortzone zu verlassen und Privilegien aufzugeben.