Ökologische Gerechtigkeit

Ökologische Gerechtigkeit

„Was die Erde hervorbringt, ist ein Geschenk unseres barmherzigen Schöpfers an ihre Bewohner; die Erde jetzt zur Unterstützung weltlichen Reichtums und Ansehens ärmer zu machen tut den Generationen, die uns nachfolgen, großes Unrecht.“

— John Woolman, 1772 , Glaube und Wirken 25.01

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fühlten viele Quäkerinnen und Quäker die Notwendigkeit, ihr eigenes Verhalten gegenüber der Natur zu hinterfragen und Zeugnis von verantwortlichem Umgang mit den Ressourcen und ökologischer Gerechtigkeit abzulegen. Das „Zeugnis für ökologische Gerechtigkeit“ ist aber keine Hinzufügung zu den „älteren“ Zeugnissen  für Frieden, Wahrhaftigkeit, Gleichwürdigkeit, Einfachheit und Gemeinschaft, sondern eine notwendig gewordene Betonung der Konsequenzen dieser Zeugnisse im Kontext ökologischer Krisen. Aus diesem ganzheitlichen Konzept ergibt sich auch, dass Quäkerinnen und Quäker insbesondere nach den Verbindungen und Effekten zwischen dem Sozialen und der Umweltzerstörung fragen.

Verantwortlicher Umgang: Stewardship

Schon in der frühen Schriften und Aussagen des Quäkertums wird die Verbindung zwischen den Zeugnissen und unserem Verhalten der Umwelt gegenüber gezogen, mit dem Ideal einer gewaltfreien Beziehung, mit Respekt vor allen Formen des Lebens, in der jeder Mensch von der Ressourcen der Erde profitieren kann, ohne über das Maß zu leben. Dahinter stand – neben einer frühen Aufmerksamkeit für die Folgen menschlichen Handelns für die Erde – der Anspruch, alle Gaben der Natur in guter Weise zu nutzen, ohne sie auszubeuten, weil sie uns nicht gehören. Unser Verhältnis zur Natur und anderen Lebewesen spiegelt unser Verhältnis zu anderen Lebewesen, und letztlich zu Gott. Schon die frühen Freundinnen und Freunde verstanden sich nicht als Herrscher über die Natur, sondern als „stewards“, also mit der Aufgabe verantwortlichen Umgangs betraut. Gute „Stewardship“ bedeutet, sich um das, was ist, zu kümmern, nicht nur um unseretwillen, sondern für die anderen Menschen jetzt und in Zukunft.
Im Angesicht der ökologischen Krisen hat sich dieses romantische Ideal von Stewardship noch einmal gewandelt. Viele Quäkerinnen und Quäker sind sich bewusst, dass auch umweltbewusstes Handeln zu Schaden führt, und wollen für die Konsequenzen Verantwortung übernehmen.

„Die Welt gehört uns nicht, und über ihre Reichtümer dürfen wir nicht nach unserem Belieben verfügen. Zeige liebevolle Achtung für alle Kreatur und trachte danach, die Schönheit und Vielfalt der Welt zu erhalten. Trage dazu bei, dass unsere wachsende Macht über die Natur verantwortungsvoll und mit Ehrfurcht vor dem Leben eingesetzt wird. Erfreue dich an der Herrlichkeit Gottes andauernder Schöpfung.“

— Ratschläge und Fragen, 42

Ökologische Gerechtigkeit

2012 formulierte die Weltkonferenz der Freunde, an der Quäkerinnen und Quäker aus aller Welt teilnahmen, einen Aufruf zum Thema „Frieden und Ökologische Gerechtigkeit, der als Selbstverpflichtung gemeint ist. Er war das Ergebnis eines mehrjährigen Konsultationsprozesses, in dem Quäkerinnen und Quäker in aller Welt die Probleme der Zeit und eine mögliche Quäkerantwort benannten. Dabei wurde vor allem das Anliegen deutlich, die Verbundung von Umweltzerstörung und Klimawandel mit Krieg, Armut und Ungerechtigkeit zu benennen und zu bearbeiten.
Schon auf der Weltkonferenz wurden aber auch konkrete Pläne gemacht und Ideen ausgetauscht, wie der Anspruch des Aufrufs eingelöst werden kann. Viele Quäkergemeinschaften arbeiten aktiv an der Verkleinerung ihres ökologischen Fußabdrucks, etwa indem sie Quäkerhäuser ökologisch sanieren und Ausschusstreffen elektronisch abhalten, um Reisekilometer zu sparen. Die Quäkerhilfswerke fördern Projekte, in denen Umweltfragen in ihrer Wechselwirkung mit Frieden und Gerechtigkeit bearbeitet werden. Bei den Insitutionen der EU und bei der UN treiben Quäkerorganisationen Lobbyarbeit für eine Politik der Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit. Die Verantwortung, Zeugnis abzulegen, liegt nicht zuletzt bei jedem und jeder von uns.

„Wir sind aufgerufen, Vorbilder und Beispiele für eine Kampagne für Frieden und Ökogerechtigkeit in unserem 21 Jahrhundert zu sein – ähnlich schwierig und entschlossen wie die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei im 18.und 19. Jahrhundert. Dort wo wir leben und in weltweit, wollen wir uns der Aufgabe widmen, das Wasser des Lebens durch uns strömen zu lassen. Wir widmen uns der Erreichung des Friedens, der jedes Verstehen übersteigt, und der Heilung der Welt, indem wir unser Leben dem Licht öffnen, auf dass es uns in jedem unserer kleinen Schritte führe. “

— Kabarak Call, Weltkonferenz der Quäker 2012