Gemeinschaft

Gemeinschaft

„‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, sagt der Herr, da bin ich ich mitten unter ihnen.‘ Mit diesen Worten lädt er uns ein, nicht nur miteinander, sondern dadurch auch mit ihm zusammenzukommen.“ (London Yearly Meeting 1765, Quäker Glaube und Wirken 2.43)

Im Kern des Quäkertums steht die unmittelbare Verbindung des Einzelnen mit Gott, dem Inneren Licht, Geist. Die Quäkerandacht ist aber keine individuelle Meditation, sondern eine gemeinschaftliche Praxis: Zusammen warten die Freundinnen und Freunde, gemeinschaftlich suchen sie zu ergründen, wie sie leben sollen. Quäkerinnen und Quäker verstehen die Andacht und ihre „Religiöse Gesellschaft“ als eine versammelte Gemeinschaft, als eine Gemeinde, die sich nicht über eine Kirche, sondern das gemeinsame stille Gebet und die gemeinsame Tat definiert.

Gemeinschaft, Gemeinde, Gesellschaft

„Dies ist der wahre Boden der Liebe und Einigkeit: nicht, dass ein Menschen wandelt und handelt wie ich, sondern dass ich in ihm denselben Geist und dasselbe Leben fühle.“ (Isaac Pennington, 1616-1679)

Innerhalb der Quäkergemeinschaft unterstützen wir uns gegenseitig in unserer spirituellen Suche, in unserer Entscheidungsfindung („Discernment“) und dabei herauszufinden, was wir tun müssen („Anliegen prüfen“). So, wie schon in den frühen Jahren des Quäkertums die frühen Freundinnen und Freunde sich untereinander halfen, wenn sie durch die staatliche Verfolgung in Not gerieten, unterstützt die Gemeinschaft auch heute Mitglieder, deren Handeln aus Gewissensgründen sie in finanzielle oder auch juristische Schwierigkeiten bringt. Vor allem aber trägt die Gemeinschaft die Einzelnen durch spirituelle Unterstützung. Freundinnen und Freunde, die etwa einen Dienst als Friedensfachkraft im Ausland leisten, erhalten so die Kraft und den Rückhalt, die sie für ihre Tätigkeit brauchen. Die Unterstützung durch die Gemeinschaft ist aber auch im Privaten wichtig. Bei Quäkerhochzeiten etwa bezeugen alle Anwesenden den Bund des Paares und übernehmen Mitverantwortung für diese Beziehung.

Konflikt und Herausforderung

Für Quäkerinnen und Quäker in Deutschland und Österreich heute ist Gemeinschaft untereinander nicht immer einfach zu leben, weil wir verstreut und in vielfältigen Zusammenhängen leben. Und da wir fehlbare Menschen sind, ist unsere Gemeinschaft nicht frei von Konflikten! Das Zeugnis der Gemeinschaft leben bedeutet für uns, diese Schwierigkeiten und Konflikte nicht als Hinderungsgrund, sondern als Herausforderung und Begründung von wahrer Gemeinschaft zu nehmen. Der amerikanische Quäker Parker Palmer spricht in diesem Zusammenhang davon, dass wahre Gemeinschaft gerade der Ort sei, an dem gerade die Person, mit der wir am wenigsten zusammenleben wollen, immer lebt:

„In einer wahren Gemeinschaft suchen wir uns unsere Gefährten nicht aus, denn eigennützige Motive schränken unsere Wahl oft ein. Stattdessen werden sie uns durch Gnade gegeben. Oft sind es Personen, die unsere starren Ansichten über uns selbst und die Welt  aufrütteln. Tatsächlich könnten wir wahre Gemeinschaft als einen Ort definieren, an dem immer die Person lebt, mit der du am wenigsten zusammen­leben möchtest.“ (Parker J. Palmer, 1977, Quäker Glaube und Wirken 10.19)

Diese Verunsicherung ist eine der Stärkungen, die wir durch Gemeinschaft suchen können. Wahre Gemeinschaft ist nicht konflikt-, aber gewaltfrei.

Versöhnung und Kooperation

Weil wir erfahren haben, dass eine Stärkung von Gemeinschaft in diesem nicht naiven Sinne eine Stärkung jedes einzelnen Menschen bedeutet, und dass wir gemeinsam stärker, weiser, kreativer, bunter sind, versuchen wir den Wert der Gemeinschaft auch in anderen Zusammenhängen zu leben. Auch die Hilfsarbeit der Quäkerhilfe zielt immer darauf, Gemeinschaft zu bauen und zu stärken, indem sie Versöhnung, Dialog, Zusammenarbeit und Vertrauen fördert.