Religion ohne Dogma

Religion ohne Dogma

Religion ohne fixiertes Glaubensbekenntnis

Wir sind uns bewusst, dass dem verbalen Ausdruck der tiefsten Erfahrungen Grenzen gesetzt sind. Umso schwieriger ist es, die religiöse Überzeugung einer Gruppe von Menschen zu definieren. Wir glauben, dass die Wirklichkeit Gottes größer ist als alle menschlichen Aussagen über sie, als alle Namen, die dieser Wirklichkeit gegeben werden können und alle Worte, mit denen sie umschrieben werden kann. Freunde sind Menschen mit ausgeprägten religiösen Einstellungen. Sie sind jedoch über den Wert der Theologie und institutionalisierter Religion verunsichert, da diese leicht zu Spekulationen, Streit und Krieg Anlass bieten.

Im Quäkertum gibt es also kein festgelegtes Glaubensbekenntnis, sondern den Anspruch, Zeugnis von unserem Glauben durch unser Leben abzulegen. Das Fehlen von verbindlichen Glaubenssätzen bedeutet aber nicht, dass es gleichgültig ist, was eine Person glaubt, oder dass das Quäkertum darin besteht, sich die Rosinen herauszupicken und eine eigene Wohlfühlreligion zu bauen. Im Gegenteil: Wenn wir ernsthaft und wahrhaftig offen sind für Inspiration (oder göttliche Führung – es kommt nicht auf die Worte an), dann können wir Leitung erfahren durch eine größere Weisheit, und unsere egoistische Perspektive verlassen – was auch heißen kann, dass unser Glauben ein unbequemer ist, und nicht derjenige, den wir „uns ausgesucht“ hätten. Daher ist Gemeinschaft für Quäker sehr wichtig: Sie hilft uns, Entscheidungen für ein gutes und richtiges Leben aus der richtigen Haltung heraus zu treffen, und wir können voneinander lernen. Der britische Quäker-Theologe Ben Pink Dandelion hat dies auf die griffige Formel gebracht: „Das Quäkertum ist keine DIY-Religion (Do-it-yourself), sondern eine DIT-Religion: Doing-it-together.“

„Lass dein Leben sprechen“

Die Abwesenheit eines klaren Glaubensbekenntnisses ist daher eine Aufforderung an jede und jeden Einzelnen und an uns als Gemeinschaft, den Quäkerglauben zu leben, zu verstehen und zu artikulieren. So ermuntern die Freunde sich, über ihre eigenen Erfahrungen nachzusinnen, zu sprechen und anderen Menschen zuzuhören, die von ihren Erfahrungen berichten. Das kann sehr bereichernd sein, braucht aber auch Übung, Geduld und Toleranz sowie das Vertrauen in die Wirklichkeit der spirituellen Erfahrbarkeit.

Anstelle von kirchlichen Autoritäten zu lernen, was wir glauben sollen, sind wir aufgefordert, die Quäkerpraktiken der Andacht und der Entscheidungsfindung (discernment) zu nutzen, als Praxis des spirituellen Wachstums. Leben, die in Reflektion, Gebet, Vertrauen und Dienst gelebt werden, artikulieren ein Bekenntnis des gelebten Glaubens, in Wort und Tat. In der Formulierung von George Fox: „Seid Vorbilder, seid Beispiele in allen Ländern, Orten, auf allen Inseln und für alle Völker, wo auch immer ihr hinkommt, dass euer Verhalten und Leben unter allen Menschen zu ihnen predigen möge; dann werdet ihr frohen Mutes durch die Welt ziehen und „Das von Gott“ in jedem Einzelnen ansprechen.

Verbindende Gewissheiten und geteilte Praktiken

Quäker haben also kein festgelegtes Glaubensbekenntnis und sehr unterschiedliche theologische Auffassungen. Daher fällt es auch Quäkern manchmal leichter, zu sagen, was Quäker nicht sind und glauben, als sie positiv zu beschreiben. Dabei gibt es durchaus  Überzeugungen die uns verbinden. Und auch wenn wir keine verbindlichen Riten haben, halten uns Praktiken zusammen, die sich in unserer Geschichte als gute Methoden, um zusammenzuleben und individuell wie als Gemeinschaft ein möglichst gutes, richtiges Leben zu führen. In diesem Sinne lassen sich als Kerne des Quäkertums bestimmen:

  • die unmittelbare Begegnung mit dem Göttlichen (wie immer man es nennen mag),
  • die Stille Andacht,
  • die Art und der Anspruch der Entscheidungsfindung (discernment) sowie
  • die Zeugnisse (nicht als Liste von Werten, sondern als Leben, das wir führen sollen und wollen)